Zurück

Konzept für den digitalen Ausbau der typologisch-vergleichenden Märchenforschung

Downloads

5

Views

316

Open Peer Review

Kategorie

Artikel

Version 1.0

11.11.2019
Beitrag in Heft 4
Elguja Dadunashvili Autoreninformationen

DOI: 10.17175/2019_005

Nachweis im OPAC der Herzog August Bibliothek: 167168477X

Erstveröffentlichung: 19.11.2019

Lizenz: Sofern nicht anders angegeben Creative Commons Lizenzvertrag

Medienlizenzen: Medienrechte liegen bei den Autor*innen

Letzte Überprüfung aller Verweise: 18.11.2019

GND-Verschlagwortung: Annotation | Märchenforschung | Textanalyse | Vergleichende Literaturwissenschaft |

Empfohlene Zitierweise: Elguja Dadunashvili: Konzept für den digitalen Ausbau der typologisch-vergleichenden Märchenforschung. In: Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften. Wolfenbüttel 2019. text/html Format. DOI: 10.17175/2019_005


Abstract

Im Zentrum dieses Beitrags stehen die Präsentation und Diskussion der Konzeptionierung einer XML-Datenbank für Volksmärchen (erweiterbar auf andere populäre Erzählgattungen) sowie der dazu benötigten digitalen Infrastruktur. Der Zweck ist eine weltweite Systematisierung der Archivmaterialien durch eine geeignete Datenbank und die Ausarbeitung eines Content-Annotationsstandards (ConAS) für die typologisch-vergleichende Analyse der internationalen Märchen.


The focus of this contribution is the presentation and discussion of the conceptual design of an XML database of fairytales (expandable to other popular narrative genres) and the required digital infrastructure. The purpose is a worldwide systematization of archival material through a suitable database and the development of a content annotation standard (ConAS) for the typological-comparative analysis of the international fairytales.



1. Gewagte Idee zur falschen Zeit

Vergleichende Märchenforschung befasst sich mit dem Phänomen der erstaunlichen Nähe der Märchensujets in verschiedenen, sowohl räumlich als auch kulturell oft weit voneinander entfernten Volksgruppen. Das Phänomen lässt sich an den weltweit einander ähnlichen Erzähltypen und Motiven erkennen. Zum einem gehören Thementypen dazu, die bereits durch die kurzen Titel zu identifizieren sind, wie etwa: ›Drachentöter‹, ›Zweibrüdermärchen‹, ›Schlafende Schöne‹ usw. Diese Typen sind als Kern der Erzählung zu betrachten, welche in einzelnen Repertoires zwar variierend, jedoch im gleichen Rahmen entfaltet worden sind. So gilt als Kern für den Typ ›Drachentöter‹ folgender Inhalt: ›Der Held besiegt den Drachen und befreit die Königstöchter, die dem Drachen geopfert werden sollte‹. Zu den einzelnen Motiven zu zählen sind dagegen die kleinsten Erzählsegmente, deren folgerichtige Koppelung eine Episode bzw. Szene bildet, wie etwa: ›Dem wandernden Helden gesellen sich drei Tiere hinzu‹ oder ›Der Held gelangt in die Unterwelt‹ usw.

Eine erstaunlich stabile Wiederholung dieser Elemente von Märchen zu Märchen, von Volk zu Volk zog bereits seit den ersten komparatistischen Versuchen ein besonderes Interesse auf sich (Jacob und Wilhelm Grimm, Theodor Benfey etc.).[1] Eine institutionelle Etablierung der vergleichenden Erzählforschung begann allerdings erst durch die Gründung des Bundes der Folklore Fellows (1907/8) und deren Organ Folklore Fellows Communications (kurz FFC, Die erste Nummer erschien im Jahr 1910).[2] In kurzer Zeit breitete sich die Forschungsinitiative mit beispiellosem Schwung auf internationaler Ebene aus. Der intensive Elan und Erfolg lässt sich bis zur Gegenwart beobachten.[3]

Diese mit einer sorgfältig ausgearbeiteten Arbeitsmethode ausgerüstete Forschungsinitiative (der sog. Finnischen Schule) setzte sich zum Ziel, die Grund- bzw. Normalformen der Märchentypen festzustellen und ihre Herkunftsorte bzw. -zeiten zurückzuverfolgen (daher auch der Name historisch-geographische Methode). Die dafür entwickelte Vorgehensweise, also die eigentliche Arbeitsmethode, ging mit folgendem Workflow einher: Zunächst wurde versucht, alle vorhandenen Varianten des in Betracht gezogenen Typs weltweit möglichst flächendeckend zu sammeln; der nächste Schritt bestand aus einer Querschnittanalyse aller Varianten des gleichen Typs und somit der Festlegung der Normalform eines Märchentyps.[4] Diese galt nach Auffassung der Vertreter dieser Arbeitsmethode als [Urform] des gemeinsamen Archetypus, von dem alle uns vorliegenden Varianten abstammen.[5]

Die Querschnittanalyse beruhte auf einer repräsentativ-quantitativen Arbeitsmethode. Vorausgesetzt wurde in der Regel eine maximale Annäherung des Forschungsmaterials an die Parameter des Repertoires der beforschten Gruppe. Beste Voraussetzungen für die Erstellung einer solchen Forschungsplattform erfüllten nach damaliger Auffassung Archivmaterialien, die durch planmäßige und flächendeckende Feldforschungsarbeiten erhoben worden waren. Die Entwicklung nationaler folkloristischer Archivnetze wurde in diesem Zusammenhang folglich als wichtige Voraussetzung für eine vollwertige, d. h. sinnvolle Durchführung einer internationalen Erzählforschung gefordert. Auf die große Bedeutung solcher Materialien und deren Repräsentativität wies die von Walter Anderson und Oskar Loorits auf der Schlusssitzung des ersten Märchenkongresses im November 1935 in Lund vorgeschlagene Resolution hin, die für den Fortschritt der internationalen Märchenforschung die Einrichtung von nationalen folkloristischen Archiven propagierte bzw. berücksichtigte.[6]

Obgleich sie die besondere Bedeutung der jeweiligen Repräsentativität des Materials durchaus erkannte, ist die vergleichende Erzählforschung gerade an dieser Voraussetzung gescheitert. Die Tatsache, dass die Aufgaben der vergleichenden Märchenforschung allein schon ihrer Ausmaße wegen ohne Synergie nicht zu schaffen war, war bereits den Grundsteinlegern der vergleichenden Methode bewusst. Das Problem war unverkennbar, und sowohl Form als auch Effektivität der anfangs erzielten Synergiebemühungen nicht gerade beneidenswert. Ihre für die internationale Zusammenarbeit entwickelten Formen waren eingeschränkt, etwa durch die Problematik bei der Lieferung übersetzter Texte aus den jeweiligen nationalen Repertoires, wobei zunächst noch nicht einmal berücksichtigt wurde, wie repräsentativ diese Texte im Vergleich zum bereits gut zugänglichen westeuropäischen Material waren.[7] Schon eine nur oberflächliche Betrachtung von Ergebnissen der monographischen Analysen einzelner Typen zeigte, dass die Autoren nur allzu oft bereit waren, zugunsten der Ausweitung des geographischen Areals der Forschung die einerseits ziemlich solide repräsentierten nationalen Märchenbestände den andererseits nur durch zwei / drei Texte dargestellten Repertoires der weniger erschlossenen nationalen Erzählgemeinschaften anzupassen, bzw. gleichzustellen.[8]

Die Situation hatte sich leider auch dann nicht verbessern können, als – wie unlängst wieder[9] – neue Typenkataloge von verschiedenen nationalen Märchenrepertoires veröffentlicht wurden. Die mäßige internationale Effektivität dieser Nachschlagewerke für die vergleichende Erzählforschung war der Tatsache geschuldet, dass diese Indizes in vielen Fällen zwar über den Typenbestand des nationalen Repertoires Auskunft geben können, aber dergestalt schematisch gefasst sind, dass man sich allein auf dieser Basis kein klares Bild über die distinktiven Konturen der einzelnen Märchentypen verschaffen kann.[10] Alle Versuche, mehr über die lokalen Besonderheiten eines einzelnen Typs zu erfahren, sind für gewöhnlich an der Schwierigkeit gescheitert, die Komplexität der Varianten, die Typenbeschreibung und sämtliche Textquellen nachvollziehbar zu indexieren. Für eine effiziente Nutzung dieser Kataloge, in denen eine solche Komplexität mit einem ungeheuer großen Arbeitsaufwand erreicht wurde, hätte man wiederum noch mehr Kapazität und Zeit benötig, um derart kompliziert codierte Information in nachvollziehbarer Form wieder zu decodieren.[11]

Bei der Umsetzung der Grundidee der vergleichenden Märchenforschung trat somit das Quantitäts-Problem sehr stark in den Vordergrund. Ausmaß und Komplexität der erzielten Aufgaben waren allein anhand einer manuellen Erfassung der Abertausende von Texten nicht zu bewältigen. Theoretisch wäre es zwar möglich gewesen, die Querschnittanalysen der Nationalrepertoires von den jeweiligen Forschern vor Ort durchführen zu lassen und dann die Ergebnisse in einer Monographie zum jeweiligen internationalen Typ zu subsumieren. Dies hätte allerdings eine mit der modernen virtuellen Forschungsumgebung vergleichbare Infrastruktur erfordert, wovon man bei der ursprünglichen Konzipierung der typologisch-vergleichenden Methode nicht mal träumen konnte.[12] Sieht man sich unter diesen Vorbehalten den Workflow der vergleichenden Märchenforschung genauer an, so drängt sich das Urteil auf, dass die vollständige Verwirklichung einer schon Anfang des 20. Jahrhunderts gewagten, großartigen Idee erst auf den Beginn der Epoche der digitalen Geisteswissenschaften warten musste.

Der Hauptgrund für eine ständige Verteidigungshaltung der jeweils zeitgenössischen Vertreter der vergleichenden Erzählforschung war also eindeutig in der Schwäche der Forschungsinfrastruktur zu suchen, und eben nicht in jener Forschungsmethode selbst, wie das von Kritikern der Finnischen Schule üblicherweise aufgefasst wurde. Die Schlüssigkeit ihrer Methode liegt zunächst einmal in einer Ableitung aus der Empirie und lässt sich durch die Stabilität der Märchenelemente auf allen hierarchischen Ebenen des Textes ohne wesentliche Anstrengung erkennen. Es soll nun um einen neuen Aufbau einer entsprechenden Infrastruktur gehen und gefragt werden, wie sich die Methode der Vergleichenden Märchenforschung in ihrem genuinen und von ihren Theoretikern antizipierten Potenzial entfalten ließe.

2. Prototyp der modernen Lösungswege

Erste vorsichtige Digitalisierungsversuche im Bereich der vergleichenden Märchenforschung entstanden parallel zur elektronischen Systematisierung der Archivmaterialien. Die daraus entstandenen Datenbanken enthielten unter anderen auch das Feld für die Bezeichnung der Märchentexte nach dem internationalen Typenindex (ATU).[13] Dies sind die Indizien (quasi Kennzeichen) einzelnen weltweit verbreiteten und vom Repertoire zum Repertoire wiederholbaren Märchentypen die in einem Katalog erfasst, durchnummeriert und entsprechend beschrieben worden sind. Der Katalog gilt als Standard für die Systematisierung der Märchentexte innerhalb der nationalen Märchenrepertoires.[14] Die Auswertungsmöglichkeiten der nach dieser Art erfassten Angaben lieferten der vergleichenden Märchenforschung immerhin einen quantitativ guten Überblick über die Typenbestände lokaler bzw. nationaler Märchenrepertoires. Dabei darf die Erstellung der Ranking-Listen der in den jeweiligen Repertoires anzutreffenden Märchentypen als wichtigstes Aufgabenfeld der vergleichenden Märchenforschung gelten; sie hat eine eindeutig anwendungsorientierte Funktion und hilft der Forschung, die populärsten Typen einzelner Repertoires herauszufinden. Die andere, wohl eigentliche Aufgabe der vergleichenden Märchenforschung besteht allerdings in der Bestimmung von Normalformen der in einzelnen Repertoires als populär geltenden Typen. Nur so kann man sie gegenseitig vergleichbar machen. Die Lösung dieser Aufgaben mit Hilfe neuer computergestützter Arbeitsmethoden würde die Möglichkeit der oben beschriebenen Datenbanken immens übertreffen. Dies erfordert indes die Schaffung einer speziellen Infrastruktur.

Ein früherer Versuch der Schaffung einer entsprechenden Infrastruktur ist die im Archiv für georgische Volksdichtung entwickelte Webplattform der vergleichenden Erzählforschung.[15] Diese erstmalig im Jahr 2010 ins Netz gestellte Webapplikation basiert auf einer MySQL-Datenbank, die es dem eingeloggten User ermöglicht, einen im Webrepositorium angelegten Text mit Hilfe der vorhandenen Motivliste zu annotieren und die Ergebnisse in der auf der Webplattform gehosteten Datenbank einzutragen.[16] Die Vereinheitlichung der Arbeitsmethode (prototypischer Standardisierungsversuch der Annotationsmethode) wird dadurch erzielt, dass die Annotation ausschließlich mittels eines Front-End-Tools durchgeführt wird, das bestimmte Vorgaben macht. Mit anderen Worten: dabei wird eine schon eingesetzte Arbeitsmethode in ein funktionierendes digitales Instrument umgewandelt.[17]

Die Datenbank wird aufgrund der Einträge von Einzelusern ausgefüllt. Für alle angemeldeten User steht die Liste der inhaltlichen Annotationselemente, der sog. Motive, zur Verfügung. Bei der Bearbeitung des lokalen Materials markiert ein User das Vorkommen der einzelnen Motive dieser Liste im analysierten Text. Diese Markierung wird durch das Eintragen der Text-ID-Nummer entlang des gegebenen Motivs bezeichnet.[18] Die Flexibilität der Reihenfolge der Motive gewährt das Einfügen eines neuen, in der gegebenen Reihenfolge noch nicht vorhandenen Motivs oder mehrerer solcher Motive. Die so markierten Bestandteile der Erzähltypen stellen dann die Daten für das Extrapolieren einer Normalform des Märchentyps im betrachteten Repertoire bereit.

Das der Datenbank zugrunde liegende Annotationsschema ist weder separat zu dokumentieren noch außerhalb der Datenbank bzw. Front-End-Tool einsetzbar, lässt sich also nicht nachnutzen. Die Datenbank hat noch einige andere Schwächen: zunächst einmal ist die flache Struktur der Annotationselemente (Motive) zu nennen. Unberücksichtigt bleibt außerdem die starke Variabilität der einzelnen Bestandteile des für die Annotation verwendeten Elements, was das ganze Annotationsschema schließlich in ein instabiles System umwandelt. Betrachten wir folgendes Beispiel: Ein bei der Annotation des Märchentyps ATU 300 erzeugtes Annotationselement (Motiv) lautet: ›Der Held gelangt in die Unterwelt, wo er von einer alten Frau über den Wassermangel informiert wird‹. Wird im Märchen die alte Frau durch eine andere Person ersetzt, die den Held über den Wassermangel informiert, so muss der daher geänderte Märcheninhalt mit einem neuen Motiv annotiert werden; wird der Wassermangel durch die Trauer ersetzt, so wird noch ein anderes Motiv entstehen usw.[19]

3. Neuentwicklung

Ein besonderer Mehrwert des im Folgenden skizzierten Projektes liegt in der Überwindung der Herausforderungen, welche beim bisherigen Einsatz der Methode der vergleichenden Märchenforschung zwar vage erkannt, aber nicht wirklich wahrgenommen werden konnten. Diese Herausforderungen lauten im Einzelnen:

  • Standardisierung der Arbeitsmethode. Sie gewährleistet, dass von allen im Prozess der Annotation der Texte beteiligten, voneinander unabhängigen Experten in gleicher Situation gleich gehandelt wird. Dies lässt sich als sog. Vogelschwarmeffekt beschreiben. Der Sinn dieses Effekts liegt darin, dass einzelne Beteiligte trotz ihrer vollkommen unabhängigen Arbeitsweise mit anderen Beteiligten vernetzt sind.
  • Plattform- und softwareunabhängige Anwendungsmöglichkeit des Standards.
  • Der wissenschaftliche Anspruch an die Repräsentativität des Materials wird erfüllt. Lieferungen von übersetzten Texten sind nicht mehr nötig; es genügt, wenn nur die Annotationen und die Metadaten aus den in der Originalsprache erfassten Texten entnommen werden.
  • Erweiterungsmöglichkeit des Standards. Dieser Aspekt ist für die vergleichende Märchenforschung aus folgendem Grunde von besonderer Bedeutung: dieser Forschungszweig beruht ausschließlich auf einer induktiven Methode; davon ausgehend ist die Synthese des Wissens andauernd mit einem progressiven Akt der Annotation gleichzusetzen, welcher seinerseits eine ständige Entwicklung des Standards hervorruft. Eine der wichtigsten Errungenschaften des Vorhabens liegt in der Erweiterung des Standards, und zwar in einer Art und Weise, dass die bereits angefertigten Annotationen gegenüber dem Standard stets valide bleiben.

Abgesehen von den einzelnen, von der prototypischen Plattform übernommenen Errungenschaften (vgl. Abschnitt oben), ist das angestrebte Ziel der neuen Initiative nur im Rahmen von neu konzipierten technologischen und methodologischen Innovationen zu erreichen. Im Folgenden werden die zentralen Elemente und Vorteile dieser Innovationen im Einzelnen vermittelt.

3.1 Arbeitsmethode

Die Arbeitsmethode entwickelt sich aufgrund der Zusammenfassung aller einzelnen Inhaltsabschnitte der Texte. Daraus entstandene Annotationselemente (Tags) fassen nicht die Struktur des Textes bzw. des Genres im Sinne der formalistischen oder strukturalistischen Analyse zusammen, sondern erfassen die Inhaltselemente des Textes. Mit anderen Worten: die Zusammenfassung des Textes bzw. seines Teils ist nicht mit der Schematisierung der Erzählung, sondern mit ihrer Verdichtung (Kompression) gleichzusetzen.

Die Verdichtung des Textes wird durch seine Zerlegung in folgende Elementgruppen durchgeführt: Typen / Episoden bzw. Funktionen / Motive / Attribute von Protagonisten. Die Typen sind bereits im Katalog von Aarne-Thompson-Uther (ATU) festgelegt.[20]

Jeder Typ besteht aus einem oder mehreren Erzählzügen bzw. Episoden, z. B. kann der Typ ATU 300 Der Drachentöter in folgende Episoden zerlegt werden: Anfangssituation / Erkundigung über die Not / Erpressung und ihr Preis usw.

Die Episode besteht aus einzelnen Motiven. Die gelten mit den Attributen der Protagonisten zusammen als kleinste Elemente der Annotation. Die Motive der zweiten Episode des Typs ATU 300 Der Drachentöter sind z. B. wie folgt:

  • Der Held (im Folgenden HD) gelangt in die Unterwelt.
  • Der HD gelangt in eine in tiefer Trauer lebende Stadt.
  • Der HD gelangt in ein fremdes Reich bzw. eine fremde Stadt.
  • Der HD wird von verbindender Person (im Folgenden VB) über die Not informiert.
  • Der HD sieht, wie die VB statt Wasser Urin benutzt.
  • Der HD begegnet dem gesuchten Objekt (im Folgenden OB), das zum Antagonisten (im Folgenden AN) geführt wird.

Die Protagonisten sind in allen zusammengefassten Motiven durch die Kategoriennamen, wie der Held, das gesuchte Objekt oder der Antagonist, dargestellt. Solche Generalisierung der handlungstragenden Personen bzw. Figuren spart viel Platz bei der Erstellung der nach der Handlung orientierten Liste der Motive und ihren Varianten, macht allerdings diese Liste inhaltlich karg. Um diesen Informationsverlust auszugleichen, werden alle handlungstragenden Personen eigens annotiert. Der Held des Typs ATU 300 – Der Drachentöter kann beispielsweise ein Jüngling, ein Metzgersohn, ein Bauerssohn oder der Helfer aus dem Typ ATU 516 – Der treue Johannes sein. Die Nomenklatur der handlungstragenden Personen wiederholt im Wesentlichen die von Vladimir J. Propp festgelegte Liste.[21] Zwecks Vervollständigung dieser Liste wird die Zahl der Personen im vorliegenden Standard von sieben auf elf erweitert. Für jedes Annotationselement gibt es eine Abkürzung, die wie folgt aufzulösen ist:

  • HD – Der Held / die Heldin / die Helden (z.B. zwei Brüder)
  • OB – Das gesuchte Objekt (kann entweder ein Gegenstand oder eine Ehepartnerin bzw. Ehepartner sein)
  • AN – Antagonist (Gegenspieler, Schädlinge)
  • HF – Der Helfer / die Helferin (sowohl ein Tier als auch ein Mensch bzw. mythisches Wesen, aber kein Zaubergegenstand, -wissen oder -fähigkeit)
  • ZM – Das Zaubermittel (ein Zaubergegenstand, -wissen, -fähigkeit, vgl. HF)
  • ST – Der Stifter / die Stifterin des ZMs
  • FH – Der falsche Held / die falsche Heldin
  • HO – Der Herr / die Herrin des OBs
  • AG – Der Auftraggeber (wird oft durch den HO vertreten)
  • VB – Verbindende Person(en) / Verbindendes Mittel
  • RC – Der Rächer / die Rächerin (ein Handlungsträger, der nach dem Besiegen des ANs den HD verfolgt).

Es gibt keine messbaren Kriterien, nach denen man genau festlegen könnte, an welcher Stelle die Zusammenfassung redundant bzw. karg ist. Es gibt nur allgemeine Orientierungsregeln, nach denen man empfehlen kann, dass für die Zusammenfassung des Inhalts nur die Episode bzw. die Motive relevant sind, bei deren Ausfall die Motivationskette der erzählten Geschichte hätte zerbrechen können. Als grundlegende Vorlage für die synoptische Zusammenfassung der Erzähltypen gelten die Typenbeschreibungen in der Enzyklopädie des Märchens[22] und des ATU-Typenverzeichnisses.[23]

3.2 XML-Schema

Der Kern der neuen Infrastruktur besteht aus dem XML-Schema. Es handelt sich um die Erweiterung eines TEI-basierten Schemas durch die für die Annotation der inhaltlichen Schicht des Märchens benötigten Elemente bzw. Attribute. Das sind die zusammenfassenden Formulierungen der auf den verschiedenen hierarchischen Ebenen anzutreffenden Textelemente: Typ, Episode, Motiv und die Nomenklatur der handlungstragenden Personen, bzw. Figuren. Das Schema enthält die Möglichkeit, dass alle in der vorhandenen Typenbeschreibung fehlenden Elemente nachträglich eingetragen werden können.

Wie bei der üblichen Anwendung des TEI-Standards entsteht auch in diesem Fall die Notwendigkeit, die annotierte Daten in zwei Hauptelemente zu unterteilen: <teiHeader> und <text>. Neben den konventionellen TEI-Elementen werden in beiden Bereichen ein spezifisches, eigens für die Märchenannotation entwickeltes Wurzelelement mit unzähligen Attributen verwendet. Sie sind im TEI-Standard als externer Namensraum integriert. Das in jedem Fall verwendete <atu>-Element stellt ein Attribut mit bestimmtem Wert dar. Diese Attribute sind in folgende drei Klassen unterteilt:

  • a-Attributklasse – gilt für die Annotation der Zugehörigkeit des Märchens zum bestimmten Typ, bzw. bestimmten Typen,
  • h-Attributklasse – gilt für die Annotation der in den Motiven auftretenden handlungstragenden Personen bzw. Figuren,
  • m-Attributklasse – gilt für die Annotation der von den handlungstragenden Personen ausgeübten Handlungen.

Die Annotation des Textes meint das Versehen jedes Passus mit einem aus dem Annotationsschema gewählten Attributwert. In ihrer Gesamtheit stellen diese eine erweiterbare Liste aller bislang bekannten Typen, der Attribute der handlungstragenden Personen und der Motive der jeweiligen Erzähltypen dar. Das Schema verfügt über die prinzipielle Möglichkeit, diese mit einem neuen Wert zu ergänzen, sofern ein neues Attribut identifiziert wird.

3.3 Datenauswertung

Die Auswertung der Daten basiert auf der XQuery-Sprache. Bei den bisherigen Testauswertungen ist es gelungen, erkenntnisrelevante Ergebnisse aus den annotierten Textdaten zurückzugewinnen. Wertet man nun, zwecks Ergründung der Variabilitäts- bzw. Normalform des Typs oder des Typenclusters, mehrere Texte aus, so erhält man die Liste aller Elemente, die bei der Annotation der Texte mit der entsprechenden Typennummer versehen worden sind, die sog. synoptische Zusammenfassung des Typs bzw. Typenclusters. Jedes Element in der synoptischen Zusammenfassung wird automatisch mit einem Häufigkeitsindex versehen. Der Index weist wiederum darauf hin, wie oft dieses Element im Vergleich zu seinen Varianten, sofern es denn welche gibt, verwendet wurde. Extrahiert man von der Liste der zusammengeführten Motive diejenigen, die häufiger auftreten als ihre Varianten, so ist diese Liste beinahe der Normalform des gesuchten Typs bzw. Typenclusters gleichzustellen.

Als Beispiel können wir unten ein vorläufiges Auswertungsergebnis des Märchentyps ATU 300 – Der Drachentöteranhand des deutschsprachigen Repertoires präsentieren.[24] Der Text in der ersten Spalte der Tabelle stellt die Liste aller im Repertoire anzutreffenden Inhaltselemente des Märchens dar. Das sind

  • die Typennamen, die die entsprechenden Bestandteile des in Betracht gezogenen Typclusters vertreten;
  • die Attribute von handlungstragenden Personen bzw. Figuren und
  • die Motive, welche die Entwicklung der Handlung im Märchen, also die eigentlichen Inhalte widerspiegeln.

Jedes dieser Elemente ist durch die a-, h- oder m- Präfixe [Kapitel 3.2] eindeutig markiert und daher leicht erkennbar.[25] Unter anderem ist eine Gruppe von sog. Transfer-Motive hervorzuheben, die sich von den Übrigen dadurch unterscheiden, dass sie auf den Anfang und das Ende der Episoden aus den anderen, mit dem Haupt-Typ (in diesem Fall ATU 300 – der Drachentöter) kontaminierten Typ-Teilen hinweisen. Aus Gründen der Übersichtlichkeit wird unten nur die Motivkette des Haupttyps betrachtet und nicht die Motive der mit ihm kontaminierten anderen Typ-Teile. In der zweiten Spalte der Tabelle stehen die Häufigkeitsindizes der im Repertoire anzutreffenden Inhaltselemente. Die erste und zweite Zeile in der Tabelle lassen z. B. erkennen, dass der Typ ATU 300 im deutschsprachigen Repertoire am häufigsten mit dem Typ 303 – Die zwei Brüder kontaminiert wird (8:13). Nach der approximativen Bestimmung des im Repertoire als relevant anzunehmenden Häufigkeitswertes (hier der Häufigkeitsindex ≥ 4), ist es möglich, eine Liste der im Repertoire relativ stabil wiederholbaren und daher für das Repertoire als typisch zu bezeichnende Normalform hervorzuheben. In der Tabelle 1 sind solche Elemente durch den dunkleren Hintergrund gekennzeichnet.


Typen Häufigkeit des Vorkommens
a300: Drachentöter 13
a303: Die zwei Bruder 8
a326: Fürchten lernen 1
a554: Dankbare Tiere 5
a562: Geist im blauen Licht 3
a567: Das wunderbare Vogelherz 4
a575: Des Prinzen Flügel 1
a851: Die Königstochter mit den Rätselaufgaben 1

Protagonisten

h300 a: HD Der HD aus dem Typ 303 Die zwei Brüder 6
h300 a: HD Der HD aus dem Typ 326 Fürchten lernen 1
h300 a: HD Der HD aus dem Typ 562 Das blaue Licht 3
h300 a: HD Der HD aus dem Typ 567 Das wunderbare Vogelherz 2
h300 a: HD Der HD aus dem Typ 851 Rätselprinzessin 1
h300 b: OB Königstochter 13
h300 c: AN Der Drache 12
h300 c: AN Der Teufel 1
h300 ea: ST Derselbe HF 1
h300 d: HF Der HF aus dem Typ 303 Die zwei Brüder 3
h300 d: HF Der HF aus dem Typ 326 Fürchten lernen 1
h300 d: HF Der HF aus dem Typ 554 Dankbare Tiere 5
h300 d: HF Der HF aus dem Typ 562 Das blaue Licht 3
h300 d: HF Der HF aus dem Typ 851 Rätselprinzessin 1
h300 e: ZM Das Lebenswasser 1
h300 e: ZM Die lebensspendende Salbe 1
h300 e: ZM Kräuter 2
h300 g: FH Der Diener 3
h300 g: FH Der Hofmeister 1
h300 g: FH Der Kutscher 4
h300 g: FH Marschall 1
h300 g: FH Roter Herzog 1
h300 g: FH Rothaariger 1
h300 g: FH Schmutzkopf 1
h300 h: HO Der König 11
h300 j: VB Bewohner der Stadt 1
h300 j: VB Der Wirt 8
h300 j: VB Die alte Gastgeberin 1

Motive

m300 an: Episode von 303 Die zwei Brüder 5
m300 an: Episode von 326 Fürchten lernen 1
m300 an: Episode von 554 Dankbare Tiere 3
m300 an: Episode von 562 Das blaue Licht 2
m300 an: Episode von 567 Das wunderbare Vogelherz 1
m300 bg: Der HD gelangt in eine in tiefer Trauer lebende Stadt 11
m300 bn: Der HD begegnet dem OB, das zum AN geführt wird 2
m300 bn: Der HD wird vom VB über die Not informiert 5
m300 cf: Der AN hat das OB in seiner Gewalt 1
m300 cg: Der AN droht den Menschen mit der Missernte bzw. Verödung 2
m300 cg: Der AN lässt die Bewohner der Stadt ihm Tribut entrichten 6
m300 cn: Das OB soll dem AN geopfert werden 12
m300 cp: Der HO habe das OB demjenigen zur Frau versprochen, der den Drachen töte 7
m300 ct: Episode zu 851 Rätselprinzessin 1
m300 dd: Episode von 851 Rätselprinzessin 1
m300 dg: Der HD begleitet dem zum AN geführten OB 3
m300 dg: Der HD geht zum Ort, wo das OB geopfert werden soll 9
m300 dq: Dem HD ist ein mächtiges Kampfmittel ausgehändigt geworden 1
m300 eg: Bei dem Kampf hilft dem HD der HF 11
m300 eg: Der HD tötet den AN 12
m300 eg: Der HD verwendet gegen den AN ein ZM 1
m300 eg: Der HD zwingt den AN, auf den Tribut zu verzichten 1
m300 en: Das OB markiert den siegreichen HD bzw. seinen HF 3
m300 en: Der HD behält die Zähne bzw. Zunge des erlegten AN 8
m300 ep: Bereitschaft zur Eheschließung zwischen HD und dem OB 4
m300 er: Der HD will, bevor er heiratet, seinen Wunsch erfüllen, eine Reise bzw. Auftrag beenden 2
m300 et: Der aus dem Kampf erschöpfte HD schläft ein/wird ohnmächtig 5
m300 ev: Das befreite OB geht zum Elternhaus 1
m300 ev: Der HD schickt das OB zu ihren Eltern 3
m300 ev: Der FH bringt den HD um 6
m300 ew: Die HF erweckt den HD mit Hilfe des ZMs zum Leben 5
m300 fd: Unter dem Druck zwingt der FH das OB, ihn als Befreier auszugeben 7
m300 fe: Der FH gibt sich als Befreier aus und verlangt die Hand des OB 9
m300 ff: Das OB schiebt die Hochzeit so lange wie möglich auf 5
m300 ff: Wegen der Minderjährigkeit des OB wird die Hochzeit verschoben 1
m300 fn: Episode zu 303 Die zwei Brüder 1
m300 ga: Episode von 303 Die zwei Brüder 1
m300 gb: Der HD erkundigt sich beim VB über die Hochzeit 6
m300 gc: Der HD kehrt unerkannt in die Stadt zurück 7
m300 ge: Der HD wird ins Gefängnis geworfen 1
m300 gf: Der HD wird von seinem HF befreit 1
m300 gg: Der HD sendet seinen HF zum HO bzw. OB 12
m300 gh: Der HD wird zur Hochzeit eingeladen 2
m300 gk: Das OB erzählt die Wahrheit 4
m300 gn: Das OB erkennt den HD 6
m300 gn: Der echte HD bzw. sein HF wird durch die zuvor vorgenommene Markierung erkannt 9
m300 gn: Jedermann erkennt nun, dass HD der wahre Retter des OB ist 4
m300 gu: Der FH wird bestraft 9
m300 gx: Episode zu 326 Fürchten lernen 1
m300 hf: Episode von 326 Fürchten lernen 1
m300 hg: Der HD heiratet das OB 13
m300 hu: Episode zu 303 Die zwei Brüder 6
m300 hu: Episode zu 562 Geist im blauen Licht 2

Tab. 1: Übersicht über die Auswertung des Märchentyps ATU 300 – Der Drachentöter. [Dadunashvili 2019.]

4. Innovation des Content-Annotationsstandards

4.1 Repräsentativität statt bloßer Anhäufung der Quellen

Die wichtigste theoretische Grundfrage des vorliegenden Vorhabens besteht in der Abweichung von der Ausgangshypothese der geographisch-historischen Methode, welche annimmt, dass jedes Märchen seine Existenz einem bestimmten, nach Zeit und Ort bestimmbaren Schöpfungsakt zu verdanken hat und es sich von diesem punktuellen Ereignis ausgebreitet habe.[26] Die Aufgabe des Vorhabens besteht darin, anhand des Vergleichs der unterschiedlichen Entfaltungs- bzw. Kombinationsmöglichkeiten des Kerns / der Kerne der erzählten Geschichte eine stabile Form des Sujets (die Normalform des Typs) innerhalb eines Repertoires zu ergründen. Dabei ist vernachlässigbar, ob es sich überhaupt um eine sog. Polygenese oder Monogenese des Kerns handelt, ob also der Kern an einem oder mehreren Orten entstanden ist.

Diesen theoretischen Überlegungen zufolge ändert sich auch der Bezug zwischen der Methode und dem Material. Die einst für prioritär gehaltene absolute Zahl und die geographische Ausbreitung des in Betracht gezogenen Materials wird durch das Prinzip der Repräsentativität des Materials ersetzt. Nach diesem Prinzip gilt der in Betracht gezogene Textbestand nur dann für die vergleichende Märchenforschung als tauglich, wenn mittels dieses Textbestandes das gesamte Spektrum des zeitlich und räumlich weit gediehenen Repertoires zu betrachten ist.

Diesem theoretischen Ansatz liegt die empirische Erkenntnis zugrunde, dass das ursprünglich mündlich tradierte Volksmärchen trotz massiver Drucklegung und medialer Erfassung zu weiterer Mündlichkeit tendiert. Aus dieser Beobachtung ergeben sich zwei andere Thesen:

  • Man kann von einem Märchenrepertoire einer Gruppe (einer Diaspora, einer ethnischen Population, einer Gemeinschaft usw.) sprechen,[27]
  • dieses Repertoire wird durch die verschiedenen Gesetze der Mündlichkeit, das heißt vor allem nach der Präventivzensur der Erzähl-Gemeinschaft, reguliert.[28]

Im Falle einer solchen Selbstregulierung des Repertoires durch eben diese Gesetze sollten folgende zwei Merkmale erkennbar sein:

  • das eigenständige Profil des jeweiligen Repertoires und
  • die stabilen Normalformen der in diesem Repertoire als populär geltenden Typen bzw. Typencluster.

Diese beiden Merkmale sind durchaus quantitativer Natur. Das erste Merkmal lässt sich durch eine Art Ranking-Liste der in der entsprechenden Gruppe besonders beliebten Erzähltypen bzw. Typencluster erkennen, und das zweite durch die stabile Abfolge der im Rahmen eines Typs am häufigsten anzutreffenden Motive. Im Sinne des ersten obengenannten Kriteriums ist der gesamte Typenbestand des lokalen Repertoires zu betrachten, im Sinne des zweiten die lokalen Normalformen dieser Erzähltypen.

Die Information über die lokale Normalform des Typs ist immer dann repräsentativ, wenn dieser Typ im gegebenen Repertoire nicht nur belegbar, sondern relevant dargestellt worden ist. Dasselbe betrifft auch das Repertoire selbst: Das einer Gruppe zugeordnete Material ist nur dann als Repertoire dieser Gruppe zu verstehen, wenn es möglich ist, aufgrund dieses Materials eine Art Ranking-Liste populärer Typen zu erstellen.

Durchschnittliche Parameter, mittels derer man die Tauglichkeit bzw. Untauglichkeit des Repertoires für die vergleichende Märchenforschung feststellen kann, müssen noch diskutiert werden. Am wichtigsten ist es allerdings, bei der Einschätzung der Bestandsaufnahme insbesondere auf folgende zwei Punkte zu achten:

  • das Material muss durch eine flächendeckende und intensive Feldforschung erhoben worden sein;
  • erschlossen werden müssen nicht nur die sog. vollständigen Texte, sondern auch Fragmente, sowie die in stilistischer Hinsicht minderwertigen Texte.

4.2 Regionalisierung statt Zentralisierung der Annotation bzw. Analyse

Der Schwerpunkt der vergleichenden Märchenforschung liegt in einzelnen lokalen Repertoires, in denen der Typ deutlich auftritt – und nicht etwa in der Abstraktion des Typs. So eine Abstraktion wäre nur durch eine eklektische Menge der in den verschiedenen Weltregionen gesammelten Varianten erreichbar.[29] Der vorliegenden Strategie zufolge würde sich die vergleichende Märchenforschung nicht bloß aufgrund der monographischen Analyse der aus den verschiedenen Repertoires zusammengetragenen Texte entwickeln (Arbeitstechnik der historisch-geographische Schule), sondern aufgrund der standardisierten bzw. einheitlichen Analyse der Texte innerhalb aller lokalen Repertoires.

Der hier vorgeschlagene Ansatz hilft der vergleichenden Märchenforschung außerdem, die aufgrund von sprachlichen Vielfältigkeiten entstandenen Schwierigkeiten erfolgreich zu überwinden. Die Infrastruktur und Methodik kann man angesichts eines beliebigen Sprachmaterials verwenden. Dafür reicht es aus, wenn derjenige Spezialist, der das Material annotiert, der Sprache des Schemas (d. h. des Annotationsverfahrens) und des entsprechenden Repertoires selbst mächtig ist. Für den Endnutzer, also denjenigen, der das annotierte Material auswerten möchte, wäre hingegen nur die Kenntnis der Sprache des Standards ausreichend. Nach dem jetzigen Stand wird der Standard in Deutsch erstellt und betrieben. In der Zukunft ist prinzipiell möglich, ihn in zwei parallelen Sprachen, etwa in Deutsch und Englisch gleichzeitig zu betreiben.

4.3 E-Kollaboration statt vereinzelte Forschung

Die E-Kollaboration ist der einzige Weg, durch den die vergleichende Märchenforschung die vor ihr stehenden Aufgaben wirklich lösen kann. An der E-Kollaboration nimmt ein Beteiligter bereits ab dem Moment teil, wenn dieser in einer für die Textannotation erstellten Datei ein XML-Schema für ConAS zuweist. Dabei ist nicht unbedingt nötig, dass die Anwender des Schemas in einem virtuellen Forschungsraum agieren. Die dadurch erreichte E-Kollaboration hat folgende Wirkung:

  • sie erreicht, dass das Wissen über den Typ wächst,
  • bei Bedarf trägt sie zu einer immer besseren Entwicklung bzw. Vervollständigung des Schemas und damit der gesamten Arbeitsmethode bei.

Dieses gemeinsame Schema setzt sich aus verschiedenen gleichwertigen Schemamodulen zusammen. Als Schemamodul wird eine Attributgruppe betrachtet, die gewöhnlich für die Annotation eines Typs verwendet wird. Die Vervollständigung jener Attributgruppe (und dadurch auch des gemeinsamen Schemas) ist ausschließlich induktiver Natur und entwickelt sich parallel zur Nutzungsintensität des gemeinsamen Schemas. Daher ist zu erwarten, dass das gemeinsame Schema mit Voranschreiten der E-Kollaboration an Umfang und Detailliertheit zunehmen wird. Jeder User, der damit begonnen hat, den Text nach dem zugewiesenen Schema zu annotieren, lässt potenziell zu, dass er den Text unter anderem auch durch das neue, erst von ihm initiierte Schemaelement annotieren wird. Die auf diesem Weg entstandene Initiative wird von der für die Annotation jenes Typs zuständigen Redaktion übernommen und nach der entsprechenden Begründung bzw. Überarbeitung ins Schema angelegt. Die für die Pflege des Schemamoduls zuständige Redaktion wird von den Community-Mitgliedern mit gleichen Forschungsinteressen gebildet, etwa von den Usern, die sich mit der Annotation eines und desselben Märchentyps beschäftigen. Erweist sich die jüngere Version des Schemas gegenüber dem alten als ungültig, so ergibt sich die Notwendigkeit, die nach dem früheren Schema annotierten XML-Dateien zu aktualisieren. Für die nachträgliche Änderung der bereits angefertigten Annotationen (XML-Dateien mit den Metadaten und Text) wird eine erweiterbare XQuery-Updatedatei verwendet.

Der Erkenntnisgewinn der E-Kollaboration erweist sich in der automatisierten Auswertungsmöglichkeit der annotierten Texte. Im Grunde genommen handelt es sich um die inhaltliche oder Content-Annotation des Textes mit zusammenfassender Funktion. Im Gegensatz zu einer rein deskriptiven Annotation der Texte zeichnet sich diese Methode durch den erkenntnisrelevanten Wert der Annotationsergebnisse aus. Als erkenntnisrelevant gelten Antworten auf die oben schon erwähnten Schlüsselfragen der vergleichenden Erzählforschung:

  • wie sieht der Bestand der internationalen Erzähltypen in einzelnen lokalen bzw. nationalen Repertoires aus?
  • was unterscheidet die Normalformen der in diesen Repertoires als populär geltenden Typen voneinander?

4.4 Modularisierung statt Totalisierung des Forschungsansatzes

Die Arbeitsmethode bzw. -technik ist so eingerichtet, dass nicht bei jedem einzelnen Einsatz eine komplette Annotation des oft sehr komplexen Textes erforderlich wird. Gemeint sind hier beispielsweise die Texte mit zwei oder mehr miteinander kombinierten Typen, sogenannte Kontaminationsfälle.[30] Vielmehr wird empfohlen, dass ein User, der sich etwa in einer Gruppe von Märchentypen besonders gut auskennt, sich beschränkt auf eine Annotation eines entsprechenden Textteils; der ohne Annotation gebliebene Textteil kann dann anderen User überlassen werden, die über entsprechende Kompetenzen verfügen.

5. Ausblick

Die Initiative entwickelt sich momentan im Rahmen eines entsprechenden Seminars zu Theorie und Praxis der vergleichenden Erzählforschung (digitale Erschließung). Dieses Seminar wurde erstmalig im Wintersemester 2014/15 von mir an der Friedrich-Schiller-Universität Jena angeboten. Die praktische Arbeit in der Seminargruppe belegte dabei die Implementierungsmöglichkeit des entworfenen Konzepts. Die im Rahmen des Seminars erworbene Erfahrung diente dazu, ein neues Vorhaben mit einem mittelfristigen Ziel zu verbinden, die entsprechende Initiative lautete: ›Exemplarischer Aufbau und Test einer Infrastruktur für computergestützte vergleichende Märchenforschung‹. Die im Rahmen dieses Vorhabens erzielten Ergebnisse könnten später dafür sorgen, dass die gesamte Infrastruktur der vergleichenden Märchenforschung in eine langfristige Tätigkeit eines internationalen Konsortiums implementiert wird.


Fußnoten


Bibliographische Angaben

  • Antti Aarne: Finnische Märchenvarianten. Verzeichnis der bis 1908 gesammelten Aufzeichnungen. Hamina 1911. (= FF communications, 5) [Nachweis im GVK]

  • Antti Aarne: Verzeichnis der Märchentypen. Helsinki 1910. (= FF communications, 3) [Nachweis im GVK]

  • Antti Aarne: Leitfaden der vergleichenden Märchenforschung. Hamina 1913. (=FF communications, 13) [Nachweis im GVK]

  • Walter Anderson: Geographisch-historische Methode. In: Handwörterbuch des deutschen Märchens. Hg. von Lutz Mackensen / Johannes Bolte. 10 Bde. Berlin 1927-. Bd. 2 (1934/40): F–G, S. 508–522. [Nachweis im GVK]

  • Siegfried Becker: Das »Zentrale« am Archiv für Erzählforschung. Gedanken zu alten Großprojekten und zur neuen Diskussion um die Mitte des Faches. In: Volkskundliche Großprojekte: Ihre Geschichte und Zukunft. Hg. von Christof Schmitt. Münster u. a. 2005, S. 63–72. [Nachweis im GVK]

  • Theodor Benfey: Pantchatantra. Fünf Bücher indische Fabeln, Märchen und Erzählungen. 2 Bde. Leipzig 1859. Bd. 1: Erster Teil. Einleitung über das indische Grundwerk und dessen Ausflüsse, sowie über die Quellen und Verbreitung des Inhalts derselben. [Nachweis im GVK]

  • Petr Bogatyrev / Roman Jakobson: Die Folklore als eine besondere Form des Schaffens. In: Strukturalismus in der Literaturwissenschaft. Hg. von Heinz Blumensath. Köln 1972, S. 13–24. [Nachweis im GVK]

  • Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Hg. von Rolf Wilhelm Brednich et al. 15 Bde. Berlin u. a. 1977–2019. [Nachweis im GVK]

  • Rolf Wilhelm Brednich: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Hg. von Rolf Wilhelm Brednich et al. 15 Bde. Berlin u. a. 1977–. Bd. 13 (2010): Suchen – Verführung. [Nachweis im GVK]

  • Elguja Dadunashvili: Typologie des georgischen Zaubermärchens. Baltmannsweiler 2007. [Nachweis im GVK]

  • Elguja Dadunashvili: Webplattform der vergleichenden Erzählforschung. Ein virtueller Raum für die internationale Kooperation. In: Corpora ethnographica online. Strategien der Digitalisierung kultureller Archive und ihrer Präsentation im Internet. Hg. von Holger Meyer / Christoph Schmitt / Stefanie Janssen / Alf-Christian Schering. Münster u. a. 2014, S. 129–134. [Nachweis im GVK]

  • Liliana Daskalova Perkovski: Typenverzeichnis der bulgarischen Volksmärchen. Hg. von Klaus Roth. Helsinki 1995. (= FF communications, 257) [Nachweis im GVK]

  • Linda Dégh: Repertoire. In: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Hg. von Rolf Wilhelm Brednich et al. 15 Bde. Berlin u. a. 1977–. Bd. 11 (2004): Prüfung – Schimäremärchen, S. 574–586. [Nachweis im GVK]

  • Wolfram Eberhard: Typen chinesischer Volksmärchen. Helsinki 1937. (= FF communications, 120) [Nachweis im GVK]

  • Wolfram Eberhard / Pertev Naili Boratav: Typen türkischer Volksmärchen. Wiesbaden 1953. [Nachweis im GVK]

  • Helge Gerndt: Komparatistik. In: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Hg. von Rolf Wilhelm Brednich et al. 15 Bde. Berlin u. a. 1977–. Bd. 8 (1996): Klerus – Maggio, S. 105–111. [Nachweis im GVK]

  • Jacob Grimm / Wilhelm Grimm: Kinder und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm. 3. Auflage. Göttingen 1856. Bd. 3. [Nachweis im GVK]

  • Lauri Honko: Finnland. In: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Hg. von Rolf Wilhelm Brednich et al. 15 Bde. Berlin u.a. 1977–. Bd. 4 (1984): Ente – Förster, S. 1157–1179. [Nachweis im GVK]

  • Lauri Honko: Zielsetzung und Methoden der finnischen Erzählforschung. In: Fabula. Zeitschrift für Erzählforschung 26 (1985), S. 318–335. [Nachweis im GVK]

  • Bertalan Korompay: Zur finnischen Methode: Gedanken eines Zeitgenossen. Helsinki 1978. [Nachweis im GVK]

  • Ulrich Marzolph: Typologie des persischen Volksmärchens. Beirut 1984. [Nachweis im GVK]

  • Theo Meder: The Folktale Database as a Digital Heritage Archive and a Research Instrument. In: Corpora ethnographica online. Strategien der Digitalisierung kultureller Archive und ihrer Präsentation im Internet. Hg. von Holger Meyer / Christoph Schmitt et al. Münster u. a. 2014, S. 119–128. [Nachweis im GVK]

  • Vladimir Jakovlevič Propp: Morphologie des Märchens. Hg. von Karl Eimermacher. Frankfurt/Main 1975. [Nachweis im GVK]

  • Kurt Ranke: Die zwei Brüder. Eine Studie zur vergleichenden Märchenforschung. Helsinki 1934. (=FF communications, 114) [Nachweis im GVK]

  • Lutz Röhrich: Geographisch-Historische Methode. In: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Hg. von Rolf Wilhelm Brednich et al. 15 Bde. Berlin u.a. 1977–. Bd. 5 (1987): Fortuna – Gott ist auferstanden, S. 1012–1030. [Nachweis im GVK]

  • Erich Rösch: Der getreue Johannes. Eine vergleichende Märchenstudie. Helsinki 1928. (= FF communications, 77) [Nachweis im GVK]

  • Adolf Schullerus: Verzeichnis der rumänischen Märchen und Märchenvarianten. Helsinki 1928. (= FF communications, 78) [Nachweis im GVK]

  • Christine Shojaei Kawan: Kontamination. In: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Hg. von Rolf Wilhelm Brednich et al. 15 Bde. Berlin u. a. 1977–. Bd. 8 (1996): Klerus - Maggio, S. 210–217. [Nachweis im GVK]

  • Jacques Rudolf Willem Sinninghe: Katalog der niederländischen Märchen-, Ursprungssagen-, Sagen- und Legendenvarianten. Helsinki 1943. (= FF communications, 132) [Nachweis im GVK]

  • Stith Thompson: The Types of the Folktale. A Classification and Bibl. Antti Aarne’s Verzeichnis der Märchentypen. Helsinki 1928. (= FF communications, 74) [Nachweis im GVK]

  • Stith Thompson: The Types of the Folktale. A Classification and Bibl. Antti Aarne’s Verzeichnis der Märchentypen. Helsinki 1961. (= FF communications, 184) [Nachweis im GVK]

  • Hans-Jörg Uther: The Types of international Folktales. A Classification and Bibliography. 3 Bde. Helsinki 2004. (= FF communications, 284–286) [Nachweis im GVK]

  • Hans-Jörg Uther: Deutscher Märchenkatalog. Ein Typenverzeichnis. Münster u. a. 2015. [Nachweis im GVK]

  • Jan de Vries: Betrachtungen zum Märchen. Besonders in seinem Verhältnis zu Heldensagen und Mythos. Helsinki 1954. (= FF communications, 150) [Nachweis im GVK]

  • Sabine Wienker-Piepho / Elguja Dadunashvili: Hilfe! Wie finde ich Märchentexte und Variante im Computer? In: Märchenspiegel 27 (2016), H. 3, S. 37–44. [Nachweis im GVK]


Abbildungslegende und -nachweis

  • Tab. 1: Übersicht über die Auswertung des Märchentyps ATU 300 – Der Drachentöter. [Dadunashvili 2019.]
Heft / Sonderband: 
Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften - ZfdG Heft 4 (2019)

Funktionen

Download XMLDownload XSLTDownload PDFArtikel drucken